Schreiberleben

Schlechte Stimmungen einfach wegschreiben.

Wieder auf die Sonnenseite des Lebens gelangen.

…lautete der Titel des Schreibcafés, das ich am 7. Mai in Lehmanns Buchhandlung in Mitte leitete. Einmal im Monat halten dort Dozenten oder Absolventen des Masterstudiengangs „Biografisches und Kreatives Schreiben“ der Alice-Salomon-Hochschule einen Vortrag zu einem Anwendungsbereich der Studieninhalte und leiten die Gäste zum Schreiben an. Nach jeder Schreibrunde wird vorgelesen. So entsteht ein lebhaftes Miteinander mit vielseitigen Texten.

EinfuehrungCathy

eifrige SchreiberPublikum

Bei meiner Gastdozentur habe ich Ausschnitte aus dem Konzept „Gesundheitsförderndes Kreatives Schreiben (GKS) vorgestellt, das ich mit meiner Teamkollegin Susanne Diehm entwickelt und bereits vielfach erprobt habe.
Hinter dem „sonnigen“ Veranstaltungstitel steckt ein Thema, das derzeit in der Wissenschaft aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird: es geht um Resilienz. Das ist derzeit das angesagte „Modewort“, wenn es um die Frage geht, was Menschen hilft, auch in schwierigen Situationen ihre Zuversicht zu behalten, widerstandsfähig, belastbar und flexibel zu bleiben – sozusagen eine „Stehaufmännchenmentalität“ an den Tag zu legen.
Medizin, Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaften und junge Disziplinen wie die Glücks- und Kreativitätsforschung sind auf der Suche nach Antworten. Das ist kein Zufall. Vielmehr ist es der Tatsache geschuldet, dass Depressionen und psychosomatische Erkrankungen sich Altersklassen übergreifend zu Volkskrankheiten entwickeln.

Schreibend Denkstrukturen dechiffrieren
An dieser Stelle möchte ich Ihnen einen kurzen Auszug aus dem Vortrag und drei Schreibübungen zum Ausprobieren zur Verfügung stellen. Wer gerne mehr zum Thema erfahren  möchte, kann das mit etwas Verzögerung in unserem nächsten Buch nachlesen, oder sich zu einem unserer Kurse oder Einzelcoachings  anmelden. :-)

Verstimmungen haben viel damit zu tun, wie wir mit uns selbst umgehen und auf andere Menschen oder auf anstehende Aufgaben zugehen. Meist geschieht das unbewusst. Eine Situation taucht auf und wir reagieren je nach Tagesverfassung darauf. Schreiben ist eine großartige Möglichkeit, sich der eigenen Impulse und Handlungsweisen bewusst zu werden, Denkstrukturen zu erkennen und diese - wenn nötig - zu verändern.

Gefühle können krank machen oder heilen
Aus der Gehirnforschung wissen wir heute, dass Gefühle das Denken beeinflussen und umgekehrt. Gedanken wiederum verändern die physische Realität. Sie können heilen oder krank machen.
Wenn wir wütend sind, verengen sich die Blutgefäße, Herz und Nieren reagieren auf Stress. Angst regt die Ausschüttung von Stresshormonen an und kann Kopfschmerzen, Herzprobleme und auf der Langstrecke sogar Übergewicht hervorrufen. Auch das Blutbild verändert sich, wenn wir uns fürchten oder ärgern – darauf lassen sich wiederum Entzündungen zurückführen. Negative zwischenmenschliche Beziehungen schwächen langfristig das Immunsystem, erhöhen die Anfälligkeit für Infekte, Rheuma und sogar für Osteoporose.
Kurz gesagt: Gefühle haben enorme Auswirkungen auf den gesamten Organismus und Formen chemischer Reaktionen. Und nicht nur darauf. Emotionen entscheiden auch darüber, ob und inwieweit wir bereit sind, Lerninhalte aufzunehmen. Die gute Nachricht: Wir sind in der Lage, unserer neuronalen Netze umzuprogrammieren. Wer dauerhaft optimistischer und fröhlicher mit seinem Leben umzugehen möchte, muss das allerdings ebenso trainieren wie eine Sportart oder die Fähigkeit zur Meditation. Veränderung ist nur möglich, wenn eine regelmäßige Routine in den Tagesablauf eingebaut wird. Das Vertrauen darauf, dem Leben nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern es aktiv steuern zu können, muss wachsen, wie ein kleines Pflänzchen.

Wir kombinieren klassische Übungen des Kreativen und Biographischen Schreibens mit neuen Schreibanreizen, die wir anhand von Erkenntnissen aus der Beschäftigung mit der Resilienz-, Glücks- und Kreativitätsforschung entwickelt haben. Sie sind dazu angetan, sich auf positive Gefühle zu konzentrieren, sich der eigenen Ressourcen bewusst zu werden, Glücksgefühle aus der Vergangenheit herauf zu beschwören, Dankbarkeit zu empfinden und dazu ermutigen, mit positiven Affirmationen an Herausforderungen heranzugehen.

Schreibend können wir viel erreichen

  • Achtsamkeit für uns selbst entwickeln, Bedürfnisse erkennen und den Umgang mit uns und der Welt, die uns umgibt wahrnehmen und beeinflussen,
  • Das Bewusstsein stärken, bereits in der Vergangenheit große Aufgaben und Herausforderungen erfolgreich  bewältigt zu haben,
  • ein Bewusstsein dafür entwickeln, Menschen um uns zu haben, an die man sich vertrauensvoll wenden kann,
  • den nötigen Optimismus entwickeln, der es erleichtert, den Herausforderungen des Lebens mutig zu begegnen.

Wir haben dazu Übungen zusammengestellt, die zunächst die Selbstwahrnehmung schärfen, im nächsten Schritt den Blick weg von Defiziten und hin zu den positiven Aspekten lenken, die bereits in unserem Leben vorhanden sind (Ressourcen) und unterstützen in der dritten Phase Denkweisen, die geeignet sind, die Resilienz zu stärken.

Wer Denkmuster dauerhaft verändern will, braucht Trainingsfleiß und Diziplin

  • Dazu gehört die Bereitschaft Tag aufs Neue ein Gefühl für sich selbst finden und schriftlich festzuhalten. Nur wer seine Gefühle, Gedanken und Reaktionen bewusst wahrnimmt, kann in einer bestimmten Situation kontraproduktive Gefühle und Verhaltensweisen auch identifizieren und steuern.
  • Nur wer seine Gedanken und Gefühle steuern kann, ist auch in der Lage, sie gegen Widerstände hinweg auf ein bestimmtes Ziel hin auszurichten. Und wir alle wissen: Zielerreichung macht zufrieden.
  • Optimismus ist in kritischen oder sehr herausfordernden Situationen wichtig, um Gedanken auf positive Ressourcen zu lenken. Durch die schriftliche Konzentration auf jene Faktoren, die einer schwierigen Situation kontrollierbar sind, lässt sich dieser Optimismus fördern.
  • Dazu ist geistige Beweglichkeit nötig – die kann erlangt werden, indem man schreibend verschiedene Szenarien ausprobiert.
  • Wer sich auf diese Form der Beweglichkeit einlässt, neue Wege im Denken und handeln zulässt, entwickelt neue und bessere Problemlösungsstrategien.
  • Wer sich seiner Problemlösungsstrategien bewusst ist, hat weniger Ängste und mehr Vertrauen, seine Aufgaben bewältigen zu können!

Liebe Leser, Sie sind herzlich eingeladen, die folgenden Schreibimpulse auszuprobieren. Halten Sie am besten anschließend schriftlich fest, wie sie sich das Schreiben auf Ihre Stimmung ausgewirkt hat.

Ü1: Bitte notieren Sie wie auf einer Einkaufsliste untereinander, fünf Dinge, die Sie immer in gute Laune versetzen.
Wenn Sie beim Erstellen Ihrer Liste etwas für sich entdeckt haben, formulieren das bitte anschließend in einem Satz.

Tragen Sie diese kleine Liste eine Weile bei sich oder hängen Sie sie gut sichtbar auf. Das wird Ihnen helfen, in trüben Momenten wieder auf die richtige Spur zu kommen. Wenn sie Tätigkeiten notiert haben, die sie lange nicht praktiziert haben: tun sie es beim nächsten Anflug von schlechter Laune!

Ü2: Nun schreiben Sie bitte erneut eine Liste. Diesmal betten Sie ihre Punkte aber in einen Halbsatz ein, der immer gleich beginnt. Wichtig ist dabei, den Einstiegs-Halbsatz tatsächlich immer wieder zu wiederholen, denn dadurch beginnt das Gehirn ganz tief in seiner „Festplatte“ zu kramen, Dinge aus dem Unterbewusstsein hervorzuzaubern, die fast vergessen waren Bitte denken Sie jetzt einmal an Ihre Kindheit. Notieren Sie den Satz: „Als Kind habe ich mich immer besonders gefreut, wenn…" Schreiben sie dazu bitte 10 Sätze auf.

Ü3: Telefonat mit dem Glück-Dialog
Und nun stellen Sie sich vor, sie stehen übellaunig auf, wissen, es steht ein Tag mit Aufgaben bevor, auf die Sie überhaupt keine Lust haben.
Jetzt rufen Sie ihr Glücksgefühl an. Was sagen sie ihm? Dass Sie es gerade jetzt brauchen? Oder möchten Sie fragen, warum es sich in letzter Zeit so selten bei Ihnen gemeldet hat?  Bitte schreiben Sie einen Dialog und wechseln Sie dabei schreibend die Perspektiven.

Mit Schreibübungen wie diesen kommt man leicht wieder auf die Sonnenseite des Lebens. Wir haben sie vielfach in Schreibgruppen und Einzelcoachings erprobt. Einzeln versprechen sie vergnügliches Schreiben. Sorgfältig kombiniert helfen Sie Ihnen bei der Ausrichtung Ihres Denkens in Richtung Zufriedenheit.