Schreiberleben

Was Jugendliche stark macht

Neue Perspektiven öffnen

Mit meiner Teampartnerin Susanne Diehm betreue ich seit einiger Zeit eine Gruppe von Auszubildenden mit schwierigen Biografien. Unsere Aufgabe ist es, sie während ihrer dreijährigen Ausbildungszeit mit kreativen(Schreib-) Methoden so zu stärken, dass sie eine Lebensvision entwickeln, die Motivation zur Zielerreichung aufrecht erhalten und ihre Ausbildung beenden.

Einmal im Monat kommen sie kleinen Gruppen zusammen, um sich mit Dingen zu beschäftigen, die weder Teil ihrer Ausbildung sind, noch Aktivitäten, mit denen sie sich freiwillig und ohne Anleitung widmen würden. „Kinderkram“ wie sie zunächst abfällig bemerken. „Komplett überflüssig.“ Mit Yogilates werden sie aus der Bewegung in die Entspannung geführt, um sie für Ungewohntes wie Collagen, Rollenspiele und Schreibimpulse zu öffnen. Nach kurzem Widerstand lassen sie sich jede Mal aufs Neue überraschen, wie derartige „Experimente“ wirken, wie sie helfen, miteinander ins Gespräch zu kommen: In völlig andere Gespräche als gewohnt. Sie würden es niemals so ausdrücken, aber gegen Ende eines 2,5-stündigen Teamtreffens sind sie ein Stück weit in ihre Gefühlswelt eingetaucht und haben sich füreinander geöffnet. Da kann es dann vorkommen, dass eine Wortführerin schamhaft bekennt, aus Langeweile gemobbt zu haben, aber nun, da sie von anderen Gruppenmitgliedern gehört hat, wie sich das anfühlt, sei es ihr peinlich.

Schreibend Mut fassen

Manch junger Mensch hat bislang selten die wohltuende Wirkung von Empathie und Wertschätzung erfahren. Wie Schwämme saugen sie kleine Ermutigungen auf, reagieren erstaunt auf die Wirkung eines „fremden“ Sprachverhaltens, üben sich darin, die Perspektive ihres Gegenübers einzunehmen. Schreibend funktioniert das besonders gut. Begeistert suchen sie sich aus einer Bilderauswahl Protagonisten für eine kleine Mutmachergeschichte und freuen sich anschließend, schreibend eine Lösung für das Problem ihrer Figur gefunden zu haben. Wer sich nicht traut, seinen Text selbst zu lesen, lässt vorlesen und freut sich anschließend nicht minder über den Zuspruch der Teamkollegen. Dass Orthografie und Grammatik hier keine Rolle spielen, nur der Inhalt zählt, erleichtert den Zugang.

Werte schätzen lernen – Respekt er-leben

Sie kommen als einzelne Azubis und verlassen den Raum als Gruppe, auch wenn das Gemeinschaftsgefühl zu Beginn noch recht instabil ist. Aber es wächst, von Mal zu Mal. Wertschätzung, Respekt, Umgangsformen und Teamgefühl sind Themen, deren Wert sie im gemeinsamen Tun entdecken. Erbitterte Streithähne kommen sich beim gemeinsamen Malen eines Bildes so nahe, dass plötzlich und ohne Aufforderung Motive auftauchen, die dem vermeintlichen „Gegner“ wichtig sind. Am Ende schreiben sie „Start“ und „Ziel“ ins Bild und bekennen, dass die Malerei Spaß gemacht hat. Sitzen unbefangen an einem Tisch und schnattern.
Und ja, auch „schwierige“ Jugendliche sind interessiert, Neues zu lernen. Allerdings nur, wenn es uns gelingt, in verständlichen Worten zu erklären, warum diese oder jene Lernerfahrungen hilfreich sind im Leben. Darauf müssen wir vorbereitet sein, bei jedem einzelnen Angebot. Denn das wünschen sie sich alle: Ihr Leben gut zu meistern. Spielerisch ergründen wir gemeinsam, welches Rüstzeug sie dafür benötigen. Wenn dieses sichere Wissen erst einmal da ist, fällt es auch viel leichter, den eigenen Weg konsequent zu verfolgen.
Berührend ist es, wenn die Jugendlichen ihre Liste vorlesen, auf der sie notiert haben, was sie im Leben schon alles geschafft haben. Beim Lesen selbst erst bekommen sie ein Gespür für die eigene Kraft und leuchten plötzlich von innen.

Junge Menschen brauchen Unterstützung und viel Ermutigung, statt Schubladendenken und Konzentration auf Defizite. Und ein wenig Handwerkszeug zur Selbstregulierung. Bewegung und kreatives Schaffen jenseits der herkömmlichen Bewertungsraster können kleine Wunder bewirken. Zum Beispiel, dass ein junger Mensch erkennt, wer ihm gut tut und welche „Freunde“ seinen Zielen eher im Weg stehen. Solche Erkenntnisse sind Sternstunden für uns als Lerncoaches!