Schreiberleben

Rückmeldung aus der Praxis

Mangelnde Wertschätzung verletzt

Hin und wieder erhalte ich Rückmeldungen von Menschen, die eine Schreibgruppe oder einen Workshop bei mir oder Sudijumi besucht haben. Ich freue mich immer wieder zu erfahren, wie meine Klienten das Erlernte in der Praxis umsetzen und was sie dabei erleben. Der Erfahrungsbericht, den ich hier auszugsweise veröffentliche, stammt von einer Lerntherapeutin, die im Rahmen ihrer Ausbildung ein Coaching bei mir in Anspruch genommen hatte und anschließend den Kontakt pflegte:

Im September bin ich auf Honorarbasis in eine lerntherapeutische Praxis eingestiegen und konnte bislang bei der Unterstützung von zwei Mädchen, damals 12 und 14 Jahre alt, mitwirken. Beide waren schon über 1 Jahr in der Praxis gewesen und besuchten jeweils Gymnasien.
Bei dem älteren Mädchen war in der Kennenlernphase Kreatives Schreiben ein guter Einstieg gewesen. Wir verfassten synchron Elfchen, acrostic poems und Diamantgedichte. Sehr wichtig war der Tipp gemeinsam mit den Kindern zu schreiben, das entlastete die Schülerin deutlich und baute ihre Denkhemmung ab.
Zunächst war sie wie in einer Starre gewesen und kein einziges Wort wollte aus ihrer Feder fließen. Als sie aber bemerkte, dass sie nicht unter Beobachtung stand und wir gemeinsam am Wirken sein konnten, begann sie zu dichten. Wunderschön waren diese Gedichte. Sie standen unter Leitgedanken wie Urlaub, Reisen, Weihnachten, Landschaft und Familie. Manchmal suchte sie nach Worten, das war ein richtiges Ringen um Formulierungen. Es war fast ein schmerzlicher (ist vielleicht ein zu starker Ausdruck, aber er nähert sich dem Vorgang den ich leider oft verzögert bemerkt habe, da ich selbst in mein Schreiben vertieft war) Vorgang. Der anschließende Austausch oder das „auf die Sprünge helfen“ war sehr hilfreich und spannungslösend.
Dieses gemeinsame Wirken hat uns einander näher gebracht.
Das andere jüngere Mädchen hatte große Freude am Schreiben von Geschichten, Gedichten konnte sie überhaupt nichts abgewinnen. Einmal angefangen, sprudelte es aus ihr heraus und vor allem mit dem „Märchenschema“ konnte sie wunderschöne Geschichten entwickelt.
Auch hier schrieben wir gemeinsam und auch das hat den Lernprozess entscheidend verändert. Sie nahm fortan diesen Prozess als Gemeinschaftswerk wahr und auch hier wurde die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gelegt.

Auch hier der Vorschlag, zu Weihnachten eine Geschichte zu verschenken. Eine Idee, die das Mädchen voller Eifer und großem Engagement umsetzte. Wir haben über das übliche Stundenkontingent hinaus gearbeitet, denn sie wollte eine „runde“ Geschichte, möglichst ohne Rechtschreibfehler, verschenken. Sie hatte eine lange, spannende Geschichte geschrieben, die ich auf Fehler hin überprüfen sollte und erst dann würde sie sie verschenken. Wir waren nach dieser intensiven Arbeit völlig erschöpft, aber hoch zufrieden.

Nach Weihnachten befragt, ob sie die Geschichte zum Geschenk (wir hatten Kopien auf buntes Papier erstellt) gemacht hatte, bejahte sie dies zögerlich. Ja, dem Opa und der Mama…. Und wie diese auf das Geschenk reagiert hatten? …Einzige Reaktion: Es wurde belächelt oder gar ein Witz darüber gemacht, dass sie „Ninja“ falsch geschrieben hatte!!!! Das hat mich wirklich umgehauen, da es so eine tolle Geschichte war, die größtmögliche Wertschätzung verdient gehabt hätte und dann das!!!  Seit Weihnachten ist ihre Motivation zu schreiben, nicht mehr sehr hoch und wir haben uns auf das Regeltraining geeinigt.
Soweit meine ersten Erfahrungen und nochmals großen Dank an Dich und Susanne Diehm, uns mit dem Kreativen Schreiben vertraut gemacht zu haben, das ich einfach wunderbar finde.

Nicole Möhrmann

So sehr ich mich über Nicoles erste Erfahrung gefreut habe, so traurig machte mich
Ihr zweiter Bericht.
Hier zeigt sich einmal mehr, wie zerstörerisch es wirkt, wenn (jungen) Menschen die verdiente Wertschätzung versagt wird, der Blick immer nur auf Leistung und Perfektion gelenkt wird.

In meinen Coachings erlebe ich immer wieder, wie schwer es erwachsenen Menschen fällt, sich von derartigen Verletzungen aus der Kinder- und Jugendzeit zu erholen, bzw. zu lösen. Abgesehen davon, dass der Weg zurück zu den kreativen Ressourcen hart erkämpft werden muss, dauert es eine Weile, bis diese Menschen auch ihre Empathiefähigkeit wieder entdecken. Empathiefähigkeit ist wichtig, weil sie hilft, konstruktiv mit Konflikten umzugehen, Vertrauen zu schaffen und liebevoll mit seinen Mitmenschen umzugehen. Wer hart und grausam zu sich selbst ist, kann selten Verständnis für die Schwächen anderer Menschen aufbringen.
Wie soll man andere lieben können, wenn man nicht liebevoll mit sich selbst umgehen kann?

Ich wünsche Nicoles Schülerin von Herzen, dass sie irgendwann in der Lage ist, diese Blockade zu überwinden und das Schreiben wieder als Kraftquelle für sich nutzen kann. Denn das Schreiben, allein oder in einer Gruppe, hilft auch, Verständnis zu trainieren, Fremdheitsgefühle abzubauen und mit sich selbst und anderen in Kontakt zu kommen.